Weincolloquium am 18. März 2006

Der Weinheilige St. Urban, Schutzpatron der Winzer an Mosel, Saar und Ruwer

Vortrag von Dr. Karl-Heinz Faas

Rebe und Wein spielen im Christentum eine bedeutende Rolle. In der Bibel gehören der Wein und die Rebe zu den am meisten benutzten Begriffen. An über 300 Stellen ist vom Weinberg, der Rebe, der Traube, der Kelter und vom Winzer die Rede. Im ersten Buch der Bibel, der Genesis, Vers 9.20 – 21 heißt es „Noah wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag in der Hütte aufgedeckt“.

Christus selbst hat in seinen Gleichnissen vielfach auf die Weinrebe Bezug genommen. Bei seinen ersten Wundern auf der Hochzeit von Kanaan hat der göttliche Meister eine ansehnliche Menge Wassers in edlen Wein verwandelt. Der Wein erfährt schließlich durch Jesus über seine Bedeutung als Nahrungs-, Genuss- und Heilmittel hinaus eine religiöse, transzendente Würde, die neben dem Brot kein anderes von Menschenhand gewonnenes Naturprodukt zu Teil geworden ist.

Durch Christi Wirken und Leben hat sich in weiten Bevölkerungskreisen ein großes Vertrauen auf Gottes Hilfe ergeben. Dieses Vertrauen war besonders im bäuerlichen Bereich ausgeprägt, wo die Abhängigkeit von der Natur und dem Wettergeschehen sehr groß ist. Gerade die Rebkultur zeigt hier eine große Sensibilität hinsichtlich der Entwicklung auf z. B. den Austrieb, das Auftreten von Schädlingen, Krankheiten, Menge und Güte der Ernte.

Vielleicht wollte man sich nun in allen Nöten und Sorgen nicht immer an den Herrgott selbst wenden, sondern man wandte sich an bestimmte Heilige, die in ihrem Erdenleben einen besonderen Bezug zur Rebe und zum Wein hatten. Die Heiligen waren also Verbündete, die durch ihre Fürsprache in bestimmten Anliegen Schutz und Hilfe gewähren sollten. So entwickelten sich Patronate, die regional unterschiedlich waren. Für den Weinbau waren das insbesondere der Urbanus, Laurentius, Vinzenz, Kilian, Odilie, Christopherus, Matthias, Maternus, Willibrod, Hubertus, Rocchus und andere mehr.

Als primus inter pares galt in Deutschland im Weinbau der Heilige Urban.

Wer war nun dieser St. Urban?
Das offizielle Martyrologium Romanum zählt elf verschiedene heilige Urbani auf. In der Kirchengeschichte begegnen sie nun als bedeutende Persönlichkeiten, so als Päpste, Äbte, päpstliche Legaten, Bischöfe, Kardinäle von Urban I. bis Urban VIII in der Zeit von 220 – 1644.

Welcher Urban wurde nun als Schutzpatron erkoren?
Ursprünglich war es wohl Stankt Urban, der Bischof von Langres, der im fünften Jahrhundert lebte. Sein Namensfest war am 2. April. Langres liegt an der Straße von Nancy nach Dijon, war Hauptstadt der Grafschaft Langres und seit dem vierten Jahrhundert Bischofssitz. Bischof Urban wird mit einem Rebstock dargestellt, hinter dem er sich vor seinen Verfolgern versteckt haben soll. An sich ein schwacher Bezug zur Rebe, aber sie hat ihm offenbar das Leben gerettet.

In Deutschland ist man von diesem Urban zum Papst Urban übergegangen, der von 220 – 230 auf dem Stuhl Petri saß. Er war Römer. Während seines Pontifikates soll er angeordnet haben, dass Kelch und Patene für die heiligen Messopfer stets aus Silber oder Gold gefertigt sein sollten. Als Attribut hat man ihm u. a. einen Kelch beigegeben, den die Winzer dann durch eine Weintraube ersetzt haben. In der Literatur ist gelegentlich von einem dritten Urban die Rede, der Patron der Weingärten war. Er lebte im siebten Jahrhundert. Es stellt sich nun die Frage, warum man vom St. Urban, Bischof von Langres, zum Papst Urban übergegangen ist. War der erstere zu lokalfranzösisch, oder lag sein Namensfest nicht so günstig, 2. April zum 25. Mai, oder dachte man vielleicht daran, dass es die Römer waren, die den Weinbau bei uns eingeführt haben?

Tatsache ist, dass der Mai-Termin für den Entwicklungsstand der Reben und die Beurteilung der Ernteaussichten günstiger war. Mit dem 25. Mai lag er bald nach den gefürchteten Eisheiligen Pankratius (12. Mai), Servatius (13. Mai), Bonifatius (14. Mai), kalte Sophie (15. Mai). Bis zum Ende Mai sollten alle wichtigen Arbeiten, Schneiden, Binden, Düngen und Bodenarbeiten, im Weinberg erledigt sein.

Im Mittelalter galt dieser Urbanstag auch als Lostag. Lostage sind Tage, die nach bäuerlicher Erfahrung in Kalendern und Bauernregeln festgehalten wurden. Sie waren insbesondere bedeutsam für den weiteren Witterungsverlauf und für den günstigeren oder ungünstigeren Beginn einer Arbeit, insbesondere das Säen.

Bekannte Lostag sind u. a.:

Maria Lichtmess – 02. Februar
Maria Verkündung – 25. März
Johannistag – 24. Juni
Siebenschläfertag – 27.
Juni Maria Himmelfahrt – 15. August
Michaelstag – 29. September

Bis zum Urbanstag als Lostag, also zum 25. Mai, sollten die wichtigsten Weinbergsarbeiten erledigt sein. Die Lehnsherren, denen die Lehnsmänner (Pächter) gegen Unterhalt verpflichtet waren, Dienst und Gehorsam zu leisten, veranstalteten den Urbansritt, um sich davon zu überzeugen, ob die Arbeiten ordnungsgemäß durchgeführt worden waren. Dabei verteilten sie je nach Ergebnis der Prüfung den sauer verdienten Lohn oder auch Rügen.
Im Laufe der Zeit wurde der Urbanstag auch zu einem wichtigen Tag des religiösen Volkslebens. Es fanden Prozessionen durch die Weinberge statt, das Urbansreiten wurde eingeführt und an die Kinder wurde das Urbansbrötle verteilt. Die Endsilbe „le“ weist dabei mehr auf den süddeutschen Raum hin. Hie und da gab es im Mittelalter Gründung von Urbanus-Bruderschaften.
Die Erwartungen, die man nun an den heiligen Urban als Weinpatron und Wetterherrn knüpfte, gehen aus einer großen Zahl von Anrufungen hervor.

Urban Sonnenschein – bringt uns guten Wein
Ist Urbani voller Sonnenschein, gibt es viel und guten Wein
Ist Urbani das Wetter schön, wird man volle Weinstöck seh’n
Sankt Urban hell und rein, segnet die Fässer ein
Das Wetter, das Urbanus hat, auch in der Lese findet statt.

War das Wetter an seinem Ehrentag schlecht, gab es gar derbe Sprüche.

Wenn Urban kein schön Wetter hält, das Weinfass in die Pfütze fällt.
Urban nass, bringt nichts ins Fass Urban nass, scheißt ins Fass.

Der heilige Urban als Bewahrer und Beschützer aller Weingärten und als Schutzpatron der Winzer und Wirte wurde auch allgemein um Schutz vor Ungewitter, Hagel, Sturm, Frost, Feuer und Unfruchtbarkeit der Erde angerufen. Aber auch um Schutz vor Trunk und Völlerei. Siehe auch die Worte bei Lukas 21, 34 „Nehmet euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren.“

Auch Dichter haben sich in den Kreis der Verehrer von Urbanus eingereiht. Ludwig Uhland (1787 – 1862), der schwäbische Dichter, hat ihn in der letzten Strophe seines Trinkliedes aufgenommen.

„Und wenn es euch wie mir ergeht,
so betet, dass der Wein gerät.
Ihr Trinker insgemein.
O heiliger Urban,
schaff uns Trost,
gib heuer uns viel Most,
dass wir dich benedeien.

In einem Trinklied der „Bauern uff der Musel“ aus dem 16. Jahrhundert heißt es: „Als die Urbanus-Verehrung noch sehr lebendig war, Sankt Urban, lieber Herre, man rühmt dich weit und ferne und ehret deinen Tag! Die Reben machst du grüne, die Bauern machst du kühne und füllest ihre Fass.
An der Mosel kennen wir heute leider keinerlei Urbanussbräuche mehr. Auch sind kaum Weinbergslagen nach ihm benannt, im Gegensatz zum heiligen Laurentius, Stephanus, Hubertus. Das Weingut eines unserer Weinbrüder in Leiwen trägt den Namen „St. Urbanushof“
Eine Ausnahme in Filzen an der Saar: Lage Filzener Urbelt und Urbanus, dazu Brunnen in Orten, dargestellt mit Buch und Trauben.
Im Rheingau hat sich nach dem letzten Krieg ein neuer Brauch entwickelt. Die Rheingauer Winzer veranstalten nach Beendigung der Herbstarbeiten eine ökumenische Erntedankfeier im Kloster Eberbach, verbunden mit dem Einsammeln der St. Urban-Spende, bei der einige tausend Flaschen Wein zusammen kamen, die an die Altenheime in Wiesbaden oder in den weiteren Umgebung verschenkt werden. Diese Weine der St. Urbanus-Spende werden mit sehr beeindruckenden Worten gesegnet: „Oh segne unserer Arbeit Lohn, den wir voll Dank dir weihen und unseren hohen Schutzpatron als Opfergab’ verleihen.“
Die Teilnehmer des Gottesdienstes sprechen: „Das Jahr des Winzers geht zu Ende, der Rheingau bringt zum Erntedank das Opfer die St. Urban-Spende. Gib Herr, dass alle Not sich wende, mach heil und stark, was schwach und krank.

Wie wäre es, wenn wir uns wieder mehr der Tradition besinnen würden?

Wie und wann die Verehrung des Weinheiligen Urban bei uns an der Mosel zurückgegangen ist, kann nur schwer ermittelt werden.
Sie dürfte schon längere Zeit nicht mehr praktiziert worden sein. In unserer schnelllebigen und rational geprägten Zeit geraten Volksbräuche und kirchliche Traditionen mehr in Vergessenheit, was sehr zu bedauern ist. Wie weit eine Rückbesinnung auf diese Werte möglich sein wird, bleibt abzuwarten.
Die Weinbruderschaft hat heute einen ersten Schritt in diese Richtung getan. Schließen möchte ich mit den Worten des weisen Sirach um 180 vor Christus, die auf den Wert des Wein hinweisen, Kapitel 31, Vers 27 und 28: „Was ist das für ein Leben, wenn man keinen Wein hat, der doch von Anfang an zur Freude geschaffen wurde. Frohsinn, Wonne und Lust bringt, Wein zur rechten Zeit und genügsam zu trinken.
Sicher ist, dass unsere Vorfahren viel bewusster mit den Heiligen gelebt und ihre Gedächtnistage gefeiert haben. Die Namens- und Schutzpatrone bedeuteten ihnen viel.

Literatur:
Dieter Graff Weinheilige und Rebenpatrone ISBN – 3 – 925036 – 25 – 3
Dr. W. Steigelmann Der Wein in der Bibel Verlag D. Meininger, Neustadt/ Weinstraße
Paul-Georg Gutermuth Der Wein und die Bibel Gesellschaft für Geschichte des Weines Wiesbaden 2005 - Nummer 149
Meyer Lexikon Dtv Broekhaus