Im weiten deutschen Lande Zieht mancher Strom dahin,
von allen, die ich kannte, Liegt einer mir im Sinn.
O Moselstrand! O selig Land! Ihr grünen Berge,  O Fluß und Tal!
Ich grüß' euch von Herzen viel tausendmal.

Und an des Stromes Bette all überall im Tal,
da stehen Dörfer, Städte und Burgen ohne Zahl.
O Stadt und Land! O Stromesrand! Ihr grünen Berge! O Fluß und Tal!
Ich grüß' euch von Herzen viel tausendmal.

Da blüh'n holdselge Frauen und manches Mägdlein zart,
und Männer magst Du schauen, und Knaben guter Art.
O Männermut! O Liebesglut! Ihr grünen Berge! O Fluß und Tal!
Ich grüß' euch von Herzen viel tausendmal.

Auf sonn'ger Bergesseite, da stehn die Reben schlank,
in tiefer Kellerweite, da liegt manch kühler Trank.
O lichter Schein! O kühler Wein! Ihr grünen Berge! O Fluß und Tal!
Ich grüß' euch von Herzen viel tausendmal.

Wer fröhlich führt zum Munde das Glas mit kühlem Wein,
dem duften auf dem Grunde viel tausend Blümelein.
O Blümelein! O goldner Wein! Ihr grünen Berge! O Fluß und Tal!
Ich grüß' euch von Herzen viel tausendmal.

So segn' euch Gott, ihr Höhen, er segne Leut' und Land,
die Reben, die da stehen auf grüner Bergeswand.
O Moselstrand! O selig Land! Ihr grünen Berge! o Fluß und Tal!
Ich grüß' euch von Herzen viel tausendmal.

Einleitung

Am 14. Januar 2010 konnte ide "Casino Gesellschaft" Trarbach auf ihr 200-jähriges Bestehen zurückblicken. Die Gründung dieser Gesellschaft durch 27 Honoratioren der damals knapp 1000 Einwohner zählenden Kleinstadt stand im Zusammenhang mit der bereits im späten 18. Jahrhundert auftretenden Tendenz, auch bürgerliche, kulturelle sowi karitative Sozietäten zu gründen. Diese
Casino-Gesellschaften waren für die bürgerliche Oberschicht im 19. Jahrhundert wichtige Orte der Freizeitgestaltung und Zentren gesellschaftlicher und kultereller Kommunikation.

Da die meisten Mitglieder der Gesellschaft Weingutsbesitzer und/oder Weinhändler waren, spielte in dieser Sozietät der Wein von Anfang an eine zentrale Rolle. Nicht nur der Weinkonsum der Gesellschaft war enorm (Pro-Kopf-Verbrauch der Mitglieder bei fast 180 Liter), das Casino entwickelte sich geradezu zu einem Weinhandelsplatz im Kleinen, dessen Keller um 1900 über sechzig Sorten bester Tropfen von Mosel, Saar und Ruwer barg.

Neben einem weit gefächerten Bildungs- und Freizeitangebotfür die eigenen Mitglieder öffnete die Gesellschaft von Anfang an ihr Haus für weinfrohe Gäste. So kehrte im Dezember 1845 die
"Koblenzer Liedertafel" in dem 1834 fertig gestellten klassizistischen Neubau des Casinos ein. In bester weinfröhlicher Stimmung rief der damalige Casinosprecher und Zeller Kreissyndicus Karl Graff aus: "Dem Manne, der ein Mosellied schafft ... dem ... gebührt ein Fuder des köstlichsten Moselweins!"

Der Mosellied-Wettbewerb 1845

So wurde von der "Casino Gesellschaft" Trarbach ein Fuder besten Moselweins 1842er Gewächs aös Preis für das beste Mosellied ausgesetzt. Der Preis lockte, wie ein Zeitzeuge ironisch bemerkte, wie eine Leuchte Dichter und einen ganzen Schwarm von "Motten" an. Um die 200 Bewerber (andere Quellen berichten von exakt 171) traten auf den Plan. Ein Trierer Bürger schickte gleich acht poetische Ergüsse, ein Westfale sogar dreizehn.

 Obwohl in der Ausschreibung ausdrücklich Text und Melodie gefordert waren, fehlte unter allen Einsendungen, die dieser Erfordernis entsprachen, ein echtes inniges Volkslied, das das Herz von Sängern und Zuhörern ansprach. Trotz zahlreicher und kompetenter Preisrichter erhielten zuletzt Vater und Sohn Julius Otta aus Sachsen den hochdotierten Preis für das etwas schwülstige Lied mit dem Titel Die Mosel, unseres Rheines Braut. Dieses Lied hat nie einen tieferen Zugang zum Gemüt der Moselaner gefunden. Der Preis, ein "1842er Wolfer Schimmelberger", wurde übrigens geändert und als "1846er Enkircher Batterieberg" ausgezahlt.

Unter den Einsendungen war auch der Text des heute noch begeistert gesungenen Moselliedes Im weiten deutschen Lande (siehe Mosel-Anruf Nr. 38, 2008, S. 177), allerdings ohne dazugehörige Melodie. Daher war dieses Lied des protestantischen Pfarrers Theodor Reck aus Feldkirchen bei Neuwied beiseite gelegt worden. Karl Graff ließ diesen Text jedoch einige Zeit nach dem Wettbewerb über den Trierer Gastwirt Peter Junk dem dortigen Domorganisten und späteren Hoforganisten Napoleons III., Georg Schmitt, zukommen.

Auf einer Dampferfahrt mit der "Mosella" von Koblenz nach Trier hat Schmitt, angeregt von der anmutigen Mosellandschaft und ein paar golden funkelnden Schöppchen, die uns bekannte beliebte Melodie komponiert, die den Text von Pfarrer Theodor Reck zur Moselhymne schlechthin erhob.

In einem Brief berichtet der Komponist selbst von der Entstehung der Hymne. Der Gastwirt des Dampfers "Mosella", Peter Junk, hieß seinen alten Freund Schmitt mit den Worten willkommen:"Gut, dass Sie gekommen sind. Ich habe unten in der Kajüte ein Gedichtchen, das Sie in Musik umsetzen müssen!" Beide stiegen dann hinab und Junk sagte: "Da, setzt Euch hin. Ihr bekommt einen guten Schoppen. Macht mir das Ding fertig!" Das alles war, wie Schmitt bemerkt, "in herzlichem Trier Dialekt gesprochen."

Schmitt, vom Reckschen Text entzückt, griff zur Feder und ehe das Shoppenglas leer war, lag das Mosellied fertig auf dem Tisch. "Nun kam mein Freund herunter", fährt der Komponist fort, "und ich sang uhm das Lied vor, mit der Gitarre mich begleitend. Junk hörte aufmerksam zu und als die Gäste und das Schiffspersonal herunterkamen, trug ich das Lied nochmals vor. Der Erfolg war erstaunlich. Die Leute sangen sofort den Refrain und gegen Abend war es in aller Munde".

Mosellied-Wettbewerb 1898

Galt der erste Wettbewerb der Casino-Gesellschaft Trarbach der Suche nach einem volkstümlichen Mosellied, so setzte die Sozietät anlässlich des 50. Geburtstages des Liedes einen Preis von 1000 Flaschen feinen Mosel- und Saarweines der Jahrgänge 1893 und 1895 für denjenigen aus, der ein Lied zur Feier des Moselweins schafft, welches geeignet ist, ein allgemeines deutsches Volkslied zu werden (Protokoll des Casinos vom 2. März 1898).

Eine Kommission, der Max Melsheimer, Adolph Huesgen, Willhelm Huesgen, Oskar Breucker und der Anreger dieses zweiten Wettbewerbes, Justizrat Clemens Gescher, angehörten, soll über die Preisvergabe eintscheiden. Clemens Gescher hat in seinem Vorwort zur Schrift des Johannes Trojan Der Sängerkrieg zu Trarbach seine Anregung folgendermaßen begründet:

Der Deutsche verehrt den Wein nicht nur des materiellen Genusses wegen, er sucht und sieht in ihm die Quelle froher Gesellingkeit, den Geist, der die Bande der Freundschaft und Liebe knüpft, der ihn erhebt über die Alltäglichkeit und die Sorgen des Lebens und ihm beim Klange der Lieder die Freude vom Himmel hernieder holt. Der Deutsche adelt sein Getränk, indem er die Ranke der Poesie, des frohen Liedes, um seinen Becher schlingt.

Die Resonanz auf den Wettbewerbsaufruf war gewaltig. Aus der ganzen Welt strömten Moselweingedichte nach Traben-Trarbach, im Ganzen 2140 literarische Ergüsse. Die armen Preisrichter wurden derart mit Texten überhäuft, dass Johannes Trojan das erste Kapitel seines Sängerkrieges mit der Überschrift Preisrichter Leiden und Freuden versah. Unter den eingesandten Texten waren zahllosen Beispiele freiwilligen und unfreiwilligen Humors und seltsamer Kuriosa.

Als Kostprobe genügen zwei Textzitate:

Kaiser, König und auch Fürsten
Trinken gern den Moselwein,
Dazu schmecken feine Würste -
Ach, könnt ich nur bei euch sein.

Doch ich muss darauf verzichten,
Dazu hab ich kein Genie,
Denn zu solchen fein Gedichten
Gehört Geschick und auch Grazie.

oder ein lyrischer Erguss, der sich außerdem durch eine sehr eigenwillige Rechtschreibung auszeichnet:

Wo der Lothringer stolzer Schönen
Treu an seide ihrer Männer bleim,
Und wo Winzerlieder tönen,
Dort getheit der beste Wein.

Vier Mosellieder wurden unter Johannes Trojanschen kundiger Leitung preisgekrönt, darunter das stimmungsvolle Lied der gebürtigen in Sachsen lebenden Moselanerin Emmy Rüden von Spillner Hoch preis ich mit vollem Pokale und das Lied von Julius Wolff Ich hab getrunken manchen Wein.

Zusammenfassung

 Mit beiden Liederwettbewerben hat sich die Gesellschaft Casino zu Trarbach, wie ein Autor überschwänglich schreibt, "unsterblichen Rhum erworben". Dem idealistischen Einsatz führender Mitglieder dieser Gesellschaft verdanken wir zahlreiche Wein- und Mosellieder, darunter das Mosellied schlechthin Im weiten deutschen Lande.

Einer dieser Idealisten, der bereits erwähnte Justizrat Clemens Gescher, schenkte uns darüber hinaus noch den Text zu einem weiteren schönen Moselweinlied Hab auf Erden manchen Freund.
Komponiert wurde dieses Lied von seinem Freund Heinrich Wilhelm Korn, einem Verwandten der Mülheimer Weindynastie Max Ferdinand Richter. Korns Wohnhaus befindet sich in der Nähe des Casinos und des alten Stadtturms, Geschers Villa am Moselufer in Traben ziert eine Statue des Weinheiligen Kilian und das große Emblem der Freimaurerloge, der der Amtsrichter. Korn wurde in der Familiengruft zu Trarbach beigesetzt, Geschers Grab befindet sich auf dem Freidhof in Traben und entging nur dank des Eingreifens von Frau Stadtbürgermeisterin Heide Pönninghaus, Weinschwester unserer Weinbruderschaft, der Auflassung. Es ist der Weinbruderschaft eine gerne übernommene Verpflichtung, sich für den Erhalt und die Pflege dieses Grabes einzusetzen.